Warum zum CSD nach Altenburg?

10.07.2021, Altenburg

Entrée

  Was ist ein CSD? Die Nachrichten sagen, er sei ein hübsch buntes, leicht verrücktes Fest, das – Subtext – niemenschem weh tue und entsprechend – Subsubtext – großzügig toleriert werden könne. Natürlich nur einmal im Jahr (wenn überhaupt) und streng beauflagt, in einem lokalen extra dafür erstelltem Ghetto des Ausnahmezustands von der „Normalität“, die unsere  „Realität“ ist. Selbstverständlich bitteschön. Ein Quantum Freiheit als Brosamen von wirklich vorhandener aber eigentlich unhaltbarer Grundrechtsversprechungen einer bundesdeutschen sort-of-Verfassung, die aber nicht so genannt wird. Deprimierend. Diese Toleranz. Dieser Großmut.

  Was ist ein CSD, vielleicht!, für Veranstaltende und Teilnehmende? Ein Gran von: Auch dieser Festivität – u.a. als Selbstvergessen, als Sorglosigkeitsinduktion, weil Traurigkeit und Wut kein Lebensgefühl bilden können, das lang hinhält. Und auch weil´s Spaß macht und mensch Spaß sich nicht versagen lässt von der Humorlosigkeit.

  DOCH nicht nur. Harmlosigkeit ist, zumindest politisch, nicht eigentlich Programm. Wenn auch ein Stück weit programmatisch durch die Grenzung der Programmsetzungsgestattung. Ein Moment der Sichtbarkeit ist´s. Buchstäblich in den doppeldeutigen Ebenen. Freiheit auch in Doppelsinn. Bejubelte Vokabel politischer Propaganda, inhaltlose Chimäre, die sich wie Neuwagengeruch verkaufen lässt, als flüchtige Illusion… so teuer…, kann sie zudem Freiheit von Jobinhaber*innenschaft bedeuten, Freiheit vom Übersehenwerden durch die Hater in den a-sozialen Netzwerken und ihren Ausläufern in die „Realität“, verbal-körperliche Ausstülpung von Hass, die seifenblasengleich die kleine Welt Betroffener schäumend umblubbert, um nicht zu sagen: sie einseift.

  Wie traurig, die Existenz in der Wirksamkeits-Solidaritätsarmut. Wo der homophobe Witz am Tresen nicht zurückgewiesen wird, also ÜBERALL, existiert keine Angstfreiheit. Im Wissen, dass aus Witz Ernst wird, wann immer es dem Alkohol oder der Frustration oder sonst was beliebt den Schalter umzuwerfen und annähernd gefahrlos, LGBTIQF*-Personen durchs Dorf oder die Kleinstadt (oder gute Teile von Großstädten) zu jagen. Wie auch PoCs und Antifaschist*innen, ohne eine völlige Gleichgestelltheit der Verfolgungsweisen zu implizieren.

Climax

  Was ist ein CSD? Anlass für Nazis, Naziparteien, Naziblätter, Nazisites, Nazis aller Ausprägung Spielart und – kleiner Scherz – Diversität, zu stänkern, zu drohen und hey – wenn´s passt – auch zu morden (so zumindest zahlreiche Versprechungen an die CSD-Veranstaltenden). Darüber wird dann tatsächlich auch berichtet. In Medien. Was dann dort nicht steht, ist, dass ein schwuler Mann, der einen andern in der Öffentlichkeit küsst, abgesehen von drei bis dreißig winzigen Szenevierteln in der BRD, überall Gefahr läuft, in Konsequenz totgeschlagen zu werden, jeden Tag, immer, ob nun Pride-Tag, -Woche oder -Monat ist, oder eben nicht.

  Oder ein weniger handfestes Beispiel, Getuschel ertragen zu müssen am Arbeitsplatz, in der Schule, Geschmacklosigkeiten im Verein, Spitzen in der Partei, der Organisation, dem Verband und was nicht sonst, nur weil ein Mädchen ein Mädchen liebt. Und aus sich daraufhin teils einstellendem Lebensunmut das eigne Sein zu negieren, in Verleugnung oder Suizid führend, Selbstaufgabe. Trittstufe für sich darob erhebende Monster in Menschengestalt. Darob, was sie*er*es einfach IST. Hinwegsetzend über Existenz. Affen, die Hände vor Augen, Ohren und Mund halten, dem Nichtseindürfenden ins Nichtsein zu behelfen.

  Oder Trans*personen, die sich in jeder Minute des Versuchs der Aneignung IHRER SELBST, vom Zugriff der Obrigkeit das Selbst für sich abzuringen, einfach nur, ums mal zu haben, um einfach nur SEIN zu können, Geschmacklosigkeit nach Geschmacklosigkeit anhören müssen, übergriffige, selbstgefällige und arrogante Ignoranz für die bloße Möglichkeit anders zu sein, nur weil diese im Selbst angelegte Möglichkeit bei jenen nicht verwirklicht ist.

  Oder Inter*Personen, denen der Zwang des ENTSCHEIDE DICH!, aus jedem Kleid- oder Hosenkauf entgegenschreit, aus jeder Ansprache als etwas, das dem Selbst entzogen wird, durch die Definitionsmacht des Gesprächspartners, der die Sprache auf seiner Seite hat. Dieser tote, unflexible Homunkulus, oh welch trauriger Wurmfortsatz!, artifizieller Denkensbegrenzung. Reinzuhalten wie die Rasse, Kultur, Ethnie?, … .

  USW. USW. USW. Bis in die Unendlichkeit. Der Identitätsformen. Die alle nicht „normal“ sind. Und also auch Queerness, denn dat is ja nich nomaaal.  

Conclusion

  Trotz all dem, ein CSD ist nicht das, was er sein könnte. Er ist im Versammlungsrecht und oder im Demonstrationsrecht verhaftet, um nicht zu sagen gekettet. Der revolutionäre Funke ist eingehegt, wie es nur kleingärtnerische, deutsche Heckensetzer vermögen, streng nach Vorschrift und mit Gliedermaßstab bemessen. All Wildwuchs ist Unkraut. Immer schon.

  Die simple Erkenntnis negierend, dass dem Gewaltvollen nur eine Gegengewalt bleibt zur Existenzwahrung, buchstäblich(!), bei jenen die jene eben aufgrund ihrer Tatsächlichkeit abgesprochen und prüglerisch ausgetrieben werden soll. Und die LGBTIQF*-phobische Bullerei als Schutzmacht stellend, steht das was-immer-Regierende im Zynismus der Unsicherheit des Existierens außerhalb der Hetero-Normativität gegenüber und macht sich vermittelt über politisches Begehren, ob des verhassten sonstigen Begehrens, lustig. Vielleicht auch ohne es zu wollen. Zugestanden. Vereinzelt.

  Antifaschist*innen wissen, dass der Kampf, der angetragen wird, auch geführt werden muss. Alles andere ist ein auf den Rücken legen vor den Angreifenden. Was bei der unterdrückten Sexualität und uneingestandener Gender-Unsicherheit die Bände der Ekelhaftigkeit spricht. In den Tweet gewordenen Vergewaltigungsphantasien der cis-Obermacker, welche immer noch die reale wie die digitale Welt dominieren. Und alles andere ist Rhetorik. Wohlfeile Diskurse, die tun, als ginge es um Diskurskultur, wo die Kulturlosigkeit des blanken Hasses die Keule statt das Wort führt.

  Erkämpfend, das Minimum, das Basale fordernd, Menschenrechte mögen doch bitte gelten. BITTE, mit Sahnehäubchen von uns aus, aber wirksam gelten mögen sie. IMMER. Buchstabengetreu, nach einem unvollkommenen kleinen Textchen wie dem Grundgesetz. Wenigstens. Doch sind wir ehrlich, queer genug ist das nicht. Welch Erkenntnis. Hier ein wenig Raum eingeräumt, für das so bekannt bittere Lachen, das gerechtfertigt.  

  Lassen wir uns also von Bedenkenträger*innen nicht beirren. Wir fahren nach Altenburg, um marginalisierten und ständig diskriminierten Menschen dabei beizustehen, nicht dem Ansinnen gemäß angegriffen zu werden. Wir werden hinfahren, um sie und also uns zu verteidigen. Denn wer nicht das Ich im Du sieht, ist so blind wie der Fleck, den die Nichtbetroffenen für jene schufen in den Institutionen ihrer Verachtung.

  Kampf gegen diese Institutionen ist der Kampf gegen die Nachbar*innen, die ja wohl noch sagen dürfen…, dass… irgendein vor Unkenntnis den Sprecher (nicht zu gendern!) unwillig verspottender „Witz“ über Schultoiletten oder derlei Dummheit.

  Kampf der nicht Angriff ist, auf Menschen, sondern auf Ideologien. Auf die Dummheit selbst, die eben reale Kopfe zum Wirte hat. Sie nicht kaputt zu schlagen, wörtlich, sondern übertragen gesprochen: aufzubrechen.

  Wir fahren nach Altenburg. Wir werden es wieder verlassen. Was wir zurücklassen können, sind Menschen, die glücklichstenfalls Freunde geworden, und ein Symbol. Mehr vermögen wir in dieser kranken Gesellschaft leider nicht. Ein Symbol, dass uns zum nächsten führt, und so fort, bis vielleicht eines Tages…, eines wohl sehr fernen Tages, eine Transperson einfach nur eine Person sein kann. Ohne dass sich jemensch so ungemein brennend für scheinbar durch Unterwäscheninhalt definierte – welch eine Macht dieser Unterwäsche! – Pronomenzuordnung interessiert. Welch perverses Interesse… denkt mal drüber nach.

  Wie kleinlich muss der Gartenzwerg sein, der – so teutsch als möglich – sich aus Angst vor „Verschwulung“ ins Zerknüppeln jener rettet. Dicke tuend vor den andern armen Würstchen die vor „einem Centimeter zu wenig“ Angst haben und darum die Welt entzünden, blind um sich schlagend, zu beweisen, dass nicht mal die vollendete Apokalypse sie ängstige. Abzusehen, absehen machend, von dem „fehlenden Centimeter“, der ihren Rübeninhalt dominiert, als gäb´s sonst nix, sich zu sorgen.

Issue

  Auf dass ja nichts sie in ein Verhältnis setze und Maß anlege. Denn was ist der Mensch in seiner Kleinlichkeit? Als eben ein Zwerg. Der Größe durch Eingeständnis gewänne. Doch niedrig ist der Deutsche. In der Provinz, wie überall. Scheiß auf ihn. Lieben wir den Menschen. Wie es behagt. Sublimiert oder basal. Hauptsache, es macht Liebenden und Geliebten Spaß. Fuck Nazis. Aber schmust herzig mit den andern.



Zum Kuscheln kommt, die RA!F.  

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