„Der Rote Stern bleibt rot“: Warum der kulturpolitische Sportverein aus Leipzig unter Druck gerät

Statement der Roten Allez! Fraktion

Am 30.10.2020 erschien in der Leipziger Volkszeitung (142.122 Leser*innen) ein Artikel mit dem Titel „Der Rote Stern bleibt“. Dieses Werk strotzt nicht nur so vor inhaltlicher Fehler, es ist auch ein Beleg dafür, dass sich der Geschäftsführer des RSL einen Dreck um das höchste Entscheidungsgremium des RSL und das Klima in Connewitz schert und sensible, noch in der Diskussion befindlichen Themen in die Boulevard-Presse trägt, die das mit unverpixelten Gesichter der Supporter*innen untermalt.
Na welch Glück, dass uns die sächsische Polizei schützt. Diese Polizei, welche in Brandis eine Stunde nach dem Überfall erschien, welche am 11.01.16 Faschopack sicher aus dem Kiez chauffierte und welche erst kürzlich martialisch in die Privatwohnungen diverser Connewitzer*innen drang.
Das erfüllt uns mit Wut und stimmt uns für die Zukunft traurig. Wir haben uns entschieden, den LVZ Bericht1 Absatz für Absatz aus unserer Perspektive zu schreiben, nach Möglichkeit mit Quellen zu versehen und so offenzulegen, wie viel Mist er enthält.

1 Den vollständigen Text des LVZ-Artikel findet Ihr in einem offenen Brief auf Indymedia zum selben Sachverhalt.

Auf der grünen Wiese (der Zukunft?) Die Vierte & Supporterin von Roter Stern Leipzig auf dem Sportplatz an der Teichstraße, wo unter anderem die Ersten Ladies & Herren spielen sollen.
Quelle: Rote Allez! Fraktion

Roter Stern Leipzig ’99 ist ein kulturpolitischer Sportverein mitten in Sachsen. Doch seit einigen Jahren rutscht er immer mehr in die bürgerliche Mitte. Wie gehen seine politisch aktiven Mitglieder damit um?

Connewitz. Dort, wo in Connewitz die Häuser aufhören und der Auwald beginnt stehen wir auf unserer grünen Wiese, über der dunkle Wolken aufziehen.

Auf der Wiese trägt seit einigen Jahren der Rote Stern  Leipzig einige seiner Spiele (zweite bis fünfte Herren, Ladies, Volxsport,  Senior*innen und Jugend Teams ) aus. In einigen Jahren (Formuliertes Ziel bei der Mitgliederversammlung 2018: in 3-5 Jahren) sollen auch die Erste Ladies und Erste Herren hier spielen können. Also Teams von jenem Verein, der vor etwas mehr als 20 Jahren im Conne Island von 20 Leuten gegründet wurde.2 Aber die Leute beschäftigt etwas ganz anderes. „Ihr habt den Verein zum Brennglas einer Connewitzer Debatte gemacht“, wird ihnen vorgeworfen.

Offener Brief mit Kritik an der Polizei

Um zu verstehen, was die Gemüter so erhitzt, muss man einen Brief kennen, der Anfang diesen Jahres veröffentlicht wurde. Mit dem nicht Jede*r wirklich einverstanden war. Silvester, die Auseinandersetzungen am Connewitzer Kreuz, waren gerade einige Wochen alt, da erschien ein offener Brief des „Connewitzer Kollektiv“ welcher vom Roten Stern Leipzig mitgezeichnet und geteilt wurde.3 Und dieser kritisierte die übertriebene Polizeipräsenz sowie die von der Polizei unterstützte Falschdarstellung der Silvesternacht in den Medien. Er „forderte die Polizei Leipzig auf, eine sachliche Kommunikation mit den Bewohner*innen im Leipziger Süden aufzunehmen“.

Der Brief wurde nicht mit jedem der 1.500 Mitglieder (Stand 01/20) einzeln abgesprochen sondern im Plenum, dem Hauptentscheidungsgremium des Roten Stern, besprochen und beschlossen. So wie es in basisdemokratischen Vereinen üblich ist. Was nichts daran ändert, dass nicht jede*r linke Spießer*in, nun ja: großer Fan des offenen Briefs war. „Man kann sich ja auch fragen: Was hätten die Nazis im Jahr 2016 ohne Polizeischutz gemacht, als hunderte Antifas zurück nach Connewitz strömten?“, sagen wir.

Fans und Spieler von Roter Stern Leipzig bei einem Auswärtsspiel ihrer Landesklasse-Helden in Sermuth im März 2020. Quelle: Rote Allez! Fraktion

Der Rote Stern Leipzig befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen linker Politik und sächsischer Realität. Er hat Fans, die sächsische Zustände kritisieren4, aber seine Plätze werden zum Teil vom Land gefördert. Wie geht das zusammen? Weil kulturpolitisches Engagement, ein kritischer Geist und Förderfähigkeit sich nicht per se ausschließen.

Natürlich ist die linke Haltung des Roten Stern kein Mythos, sondern ein Teil seines Selbstverständnisses5. In den Neunziger Jahren spielten viele Menschen bei sächsischen Vereinen bei denen eher eine „rechte Meinung“ an der Tagesordnung war. Es gab auch einige linke Initiativen, aber kaum im Fußball in Ostdeutschland. Um hier Abhilfe zu schaffen, leistete der RSL Pionierarbeit in Sachsen. Wenn das nicht förderwürdig ist, was dann?!

Heute profitiert der Rote Stern davon, dass er sich als antifaschistisches Sportprojekt versteht – vor allem ideell. Zwar erhalten die Spieler*innen der ersten Teams, genauso wie die meisten ihrer Kontrahenten kein Gehalt, sondern müssen ihren Mitgliedsbeitrag bezahlen. Zu den Spielen kommen dafür aber im Schnitt um die 400 Fans, wodurch, anders als bei ihren Kontrahenten, eine besondere Stimmung entsteht. Manchmal sind es auch bis zu 800, viel mehr als in der Landesklasse üblich. In der Oberliga Süd wäre RSL 19/20 damit Zuschauerkrösus. Die Fans kommen vor allem aus den linken Vierteln im Leipziger Osten, Westen und Connewitz, aber erfreulicherweise auch aus dem Umland, wie beispielsweise Wurzen. Dazu gibt es regelmäßig Besuch von befreundeten Gruppen aus Berlin, Wien, Hamburg oder auch London und Warschau.

Aber natürlich bringt es so seine Spannungen mit sich, als linker Fußballverein ständig seinen Finger in die sächsischen Wunden zu stecken. Spannungen, von denen spätestens 2009 jeder Fußballfan in Deutschland erfuhr. Bei einem Auswärtsspiel in Brandis im Landkreis Leipzig wurden Anhänger*innen und Spieler des Roten Stern von rechtsextremen Hooligans überfallen6. Ein Supporter verlor die Sehkraft auf einem Auge. Trotzdem blieb bei dem jungen Verein alles wie vorher. Er engagierte sich weiterhin gegen Rassismus etc. und wurde dafür sogar mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie und dem Julius Hirsch Preis ausgezeichnet.

Eine Art sächsischer FC St. Pauli

Der Rote Stern wurde auf eine Art zum sächsischen FC St. Pauli. „Wie die Kiezkicker vom Millerntor mussten auch wir uns permanent vor Nazi Angriffen schützen“, sagen wir. Hier fangen die Spannungen erst richtig an: so notwendig manche Teile des Vereins nun den Polizeischutz erachten, genauso kritisch wird eine zu enge Zusammenarbeit mit der Polizei von anderen gesehen.“

Wenn der Roter Stern heute ein Auswärtsspiel außerhalb der Stadt bestreitet, will die Polizei schon vorab über alle Details informiert werden (Anzahl, Weg, Bus/Zug?) In bestimmten Regionen stellt sich dann beim Blick über den grünen Rasen in die dunklen Wolken für manche*n die Frage „Ob man dann wirklich so viele Bullenschweine ertragen muss?“.

Ein Verein, der sich als linke Alternative gründete, gerät unter Druck, nicht mehr links genug zu sein. Wie kann das sein? Seit einigen Jahren, werden die konservativen Stimmen lauter, berichten Aktive, sie beobachten einen Konflikt zwischen Wachstum, das Abhängigkeiten mit sich bringt (z.b. Fördergelder), und dem natürlichen Freiheitsdrang der Linken. Außerdem stehen sich die Bedürfnisse kulturpolitisch Aktiver und klassischer Sport-Konsumenten oft gegenüber. „Wenn Freiräume freiwillig hergegeben werden, um potentiellen Geldgeber*innen zu gefallen, wird es für viele Leute schwierig und birgt ein hohes Frustrationspotential.“

Kein anderer Leipziger Verein hat so viele Jugendmannschaften

Gerade deshalb ist der Rote Stern von Geldgeber*innen abhängig. Bei keinem anderen Leipziger Sportprojekt spielen so viele Menschen Fußball wie beim RSL (Ca 700 von 1600 Mitgliedern). Allein in der Sektion Fußball existieren 23 Jugendteams (davon ca. 6 reine Mädchenteams), 2 Frauenteams, 10 Herrenteams (davon 3 Senioren und 2 Volxsport). Die Teams spielen an insgesamt vier Spielstätten: dem Goethesteig, der Teichstraße, dem Sportpark Dölitz und dem Platz gegenüber vom Eingang der Agra. Damit auch die beiden Erste Teams aus der Landesklasse (Ladies und Herren) auf der Teich spielen können erhält der Stern Fördermittel von der Stadt Leipzig.

Außerdem spielt der Verein in der Landesklasse, die Teil des Sächsischen Fußballverbandes ist. Von Anfang an gab es Fangruppen, die bei den Spielen des RSL – zum Teil überaus ausschweifend Pyro – gezündet haben, was schon Spielabbrüche zur Folge hatte7. Selbst das konservativste Mitglied findet: „Pyro gut“ und „findet es nicht gut, dass es verboten ist – Punkt“. Auch hier zeigt sich die Spannung, denn Pyro kostet Strafe beim Verband. Bis zu ca. 600 Euro mussten wir schon berappen, wie beim Freundschaftsspiel gegen Clapton, welche die Hälfte der Strafe übernahmen.

Wie geht man mit solchen Gruppierungen um? Wir freuen uns, dass wir sie haben! Dass sich Menschen über lautstarken Support Gedanken machen, das Team in der braunen Provinz nicht allein lassen, mitunter Freundschaftsspiele gegen internationale Gegner wie den Clapton CFC organisieren, sich aufwändige Choreos ausdenken. Bemerkenswert ist auch, dass sich zunehmend Mitglieder der Supportcrews in Vereins-Plena und AG’s engagieren (Hauptplenum, Merch, Sponsoring, Social Media)

„Die Jugend ist uns besonders wichtig! Unser Anspruch als Kulturpolitisches Sportprojekt ist es natürlich sowohl im Sport  (Jugendteams) als auch im kulturpolitischen (I.V.F., Fem*powerment, Supportcrews) junge Menschen mit den Werten des RSL vertraut zu machen und sie an verantwortungsvolle Aufgaben heranzuführen. „Das unterscheidet uns auch von vielen anderen Vereinen, die meist hierarisch organisiert und weniger zugänglich sind.“ Wir halten kurz inne und sagen:„Der Rote Stern bleibt rot!“

PS: Andere waren mit ihrem Statement schneller, welches sich inklusive des LVZ Artikels auf Indymedia befindet: https://de.indymedia.org/node/113936

PPS: Auch „Rassismus Tötet“ haben sich geäußert: https://twitter.com/RASSISMUSTOETET/status/1322107211666071552

Quellen:

2 http://roter-stern-leipzig.de/chronik1999.html

3 https://www.facebook.com/RSL99/posts/10158045683738054

4 Drei Redebeiträge, gehalten im Rahmen der von den Fans des RSL organisierten Demo „Nazis sichbar machen – für mehr Verantwortung im Fußball“ :

5 https://rotersternleipzig.de/verein/selbstverstaendnis-und-rsl-thesen/

6 https://www.youtube.com/watch?v=aIK_xh4kClE

7 27.11.2005: http://roter-stern-leipzig.de/spiel544.html
13.03.2004: http://roter-stern-leipzig.de/spiel401.html
09.10.1999: http://roter-stern-leipzig.de/news169.html

3 Gedanken zu „„Der Rote Stern bleibt rot“: Warum der kulturpolitische Sportverein aus Leipzig unter Druck gerät

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