Dream Boat

Filmvorführung („Dream Boat“, 2017, 90 min., von Tristan Ferland Milewski) und Buchvorstellung („Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität. Kritische Perspektiven“, 2016, Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß) in der Nato

  Ein Kreuzfahrtschiff liegt vor Anker, 7 Tage soll es durch das Mittelmeer gondeln. Was ist dabei? Passagiere sind 3000 schwüle Männer aus 89 Nationen, im Gepäck sind Kostüme – diese so wenig wie möglich verdecken sollen und Erwartungen – manche werden erfüllt, andere enttäuscht. Die Männer hier suchen ihres Gleichen, aber anders, dem oder denen sie sich anvertrauen können, für eine Nacht, oder ein paar, oder… vielleicht gar einen Partner – für länger. Welcher der Wünsche der fünf primär portraitierten in Erfüllung gehen kann, verfolgt man beim Beschauen des Films.

  Sie sind unter sich. Diese Männer. Sie bilden ihre eigne Insel, der Flucht, des Paradieses, des Rausches und der ganz eigenen Oberflächlichkeiten. Es geht um Partys, gesehen werden, abschleppen, aber v.a. um Sex. Das wirkt bunt und fröhlich. Es ist aber auch eine Fleischbeschau, ein Muskelspiel, man versucht wirklich sich von politischen und gesellschaftlichen Restriktionen frei zu machen, hier gibt es keine Heteronormativität (außer als „Anderes“, in den Köpfen), doch entgegen der Behauptung des Flyers zum Film, ist diese Freiheit nur äußerlich. Jeder der Interviewten trägt seine inneren Restriktionen mit sich und entblößt sie teils vor der Kamera. Das macht diesen Film interessant. Ohne es, wäre das Ganze ein inhaltloser Homo-Erotik-Film, mit technischem Geschick ausgeführt und Glanz zusammengeschnitten.

  So werden deutliche Probleme in der Schwulen Community sichtbar. Es herrscht ein Wunsch nach ewiger Jugend und körperlicher Schönheit, gegenüber einer Blindheit wider das Alter, Körperkult und Barthaar scheinen ungeheuer wichtig, das Morgen scheint dagegen so fern, die körperliche Gesundheit ist ein Thema doch in der sexuellen Selbstvergessenheit, im Nachgeben der Lust, wird es vergessen, Freiheit wird gesucht, die Verantwortung weniger. Die Restriktion scheint in eine nie enden sollende Orgie zu kippen. Gefühle gibt es für die, die sie mit an Bord bringen. Das alles sind eindrückliche Ausschnitte, sie machen nicht das ganze Bild, nicht einmal von dieser sehr homogenen Szenerie.

  Der Film wirkt wie ein Schlager. Probleme werden kurz genannt, manchmal nur angedeutet, um am Ende im Happy End, nicht befreit, sondern vergessen zu werden. Es gibt Momente von absolutem Hedonismus, diese sind ekelhaft und wären/sind es genauso bei Pauschalreisen von Heten. Jeder scheint ein Bewusstsein für die Unterdrückung zu haben, die sie erfahren, doch was die Bedingungen dieser sind, wie man sie beseitigen könnte, mit wem man koalieren müsste, das überhaupt etwas getan werden sollte, das verrät keiner und keiner wird danach gefragt. Die Stärke des Filmes ist zu zeigen, dass in ihren persönlichen Problemen gegenüber ihren Wünschen diese Menschen tatsächlich nicht so anders sind als Andere.

  Marek (aus Polen) will nicht nur als Sextoy angesehen werden, als durchtrainierter Körper mit schön gestutztem Bart, er will als Person geliebt werden. Dipankar (aus Indien) hätte gern einen solchen Körper, dem Schönheitsideal zu entsprechen, er hat das Gefühl daher nicht gesehen zu werden, und ist inmitten von 3000 Männern die Männer mögen, so einsam wie noch nie. Philipe (aus Frankreich) sitzt im Rollstuhl, er sucht nach Zugehörigkeitsgefühl und scheint es zu finden, die Bilder allerdings lassen auch ihn (von seinem Partner, der mitkam, abgesehen) einsam erscheinen. Ramzi (gebürtig aus palästinensischen Gebieten, in Belgien lebend) hingegen, lebt in einer glücklichen Beziehung die auch eine schwere Krankheit des Partners überstand, er hat gefunden was er im Leben suchte, er wirkt wirklich glücklich – was sehr schön anzusehen ist, man freut sich für ihn – doch steht noch eine Herausforderung bevor, mit seinem Freund seine Familie zu besuchen. Martin (aus Österrreich) ist HIV positiv als westeuropäischer Weißer bekommt er gute Medikamente, die ein Leben mit der Infektion, scheint es, recht einfach machen.

  Und hey, seit es diese gibt kann man ja auch wieder ungeschützten Sex mit anderen haben. Was kosst das Leben? Oder das der Anderen. Was wohl jemand von der Aidshilfe zu diesem Film sagen würde? Klar, auch hier werden kostenlos Kondome verteilt und eine amüsante Szene ist die nach der ersten Nacht, wo deren Verpackungen, Dutzende pro qm, über das Deck wehen. Es soll ein Wohlfühlfilm sein. Und das ist das Problem. Er fokussiert sich nämlich auf eine Flucht und malt diese schillernd aus, reflektiert sie auch als Sehnsucht, doch kaum das wovor geflüchtet wird. Ein unbedarfter unkritischer Zuseher bekommt vielleicht das Gefühl: denen geht es ja ganz gut. Gleichstellung: Misson accomplished? Es gibt keine Szenen von zusammengeschlagenen Schwulen in der Provinz, keine von Jagden auf sie, keine davon wie sie angepöbelt werden von Passanten, von angewiderten Blicken ganz „normaler“ Deutscher, wenn zweie sich küssen, niemand wird hier angespuckt (der sich nicht genau das wünscht). Es ist nur ein wahrer (immerhin das!) Traum. Der vorbei geht.

  Eine nur müde Diskussion folgte auf den Film. Viele Zuseher gingen schon jetzt.

  So dass der Referent, Heinz-Jürgen Voß, seine Eindrücker wiedergab.

  Positiv sei ihm aus dokumentarischer Sicht aufgefallen, wie hier Diskriminierung unter Diskriminierten angesprochen wurde (nach Ethnie, Behinderung, körperlicher Attraktivität).

  Auch dass es eine Mainstreamidentität unter den Schwulen gäbe, der wiederum Marginalisierte gegenüberstünden.

  Ökonomisch sei interessant, dass hier einzig ein mind. mittelständiges Klientel beobachtet werde (man muss sich eine solche Reise leisten können). Etwas Vergleichbares sei daher für Lesben und Trans*-Personen schwerer umzusetzen (da diese dem Durchschnitts-Verdienst nach deutlich schlechter gestellt sind als schwule Männer). Was im Film nicht reflektiert wird. Mangelnde Kaufkraft besagter Gruppen die sich übrigens auch in Institutionen der Vertretung in der Gesellschaft wiederspiegle, so gäbe es etwa in Berlin zur Zeit keine lesbische Subkultur, es gibt Altersheime für Schwule, für Lesben nicht.

  Aus dem Publikum kam die Frage, ob der Anpassungsdruck innerhalb von Minderheiten vielleicht mit unter gar größer sei als in der Gesamt-Gesellschaft. Strukturell wies der Referent darauf hin, könnte das denkbar sein, da man aus gruppenbezogenen Interessen zusammenkomme, die Ähnlichkeiten bedingten, das gelte aber grundsätzlich für jede Gruppenselbstdefinition.

  Eine weitere Frage aus dem Publikum war, ob es sich überhaupt um einen Dokumentarfilm handle, da so wenig auf Andres referiert worden sei, als auf die Partys und weil alle Portraitierten ihr eigenes Happy End bekamen. Dieses freilich überspitzt klingende Kritik ist, natürlich dürfen diese Einzelfälle ihren positiven Abschluss haben, was der Fragende wohl meinte war, dass man nicht den Kater sieht, den der Rückfall in den Alltag, z.T. der Verstellung oder mind. Vorsicht, bedeutet oder gar wie sich das anfühlen mag.

  Laut Referent fragten sowohl der Film als auch sein Buch, nach einer klar abtrennbaren Identität. Die da alle schwul sind – macht es sie gleich? Dass sie alle zusammenkommen, zu sich sozusagen, ist das ein emanzipatorischer Vorgang, oder eine Abschottung von der Welt?

  Seine Forschung habe jedenfalls zum Ergebnis (was auch im Film vorkam) dass es innerhalb der Schwulen Hierarchisierungen gäbe, dass es „echte/richtige“ Schwule gäbe und im Schatten der Gegenüberstellung von Praxis und Identität viele Graustufen. Letztere mit Festlegungen und Nicht-Festlegungen, in Selbstidentifikationen deutlich zum Kontrast der Fremdidentifikation.

  Das gehe historisch auf die Ursprünge der Homosexualität (als Selbstdefinition) zurück. Der Begriff sein erstmals in den 1860er Jahren aufgetaucht, als konzeptueller Beginn, der ausgebaut wurde. Vorher habe es natürlich ein Verhalten und eine Praxis gegeben die heute fremdbestimmt homosexuell attribuiert würde, doch keineswegs dem Selbstverständnis nach, schon gar nicht, wie heut mit unter, als eine primäre. Aus dieser Zeit müsse man die noch heut bestehende Ungleichheit von gleichgeschlechtlichem Sex (inkl. Träumen davon, Experimenten damit) mit dem Konzept der Homosexualität beachten. Worauf etwa die Aidshilfe reagiert habe, indem sie sich nicht mehr primär an Homosexuelle wende, sondern an Männer die gleichgeschlechtlichen Sex haben (darunter die natürlich fallen).

  Das Entstehen der Homosexualität als Konzept gehe auf die Abwehrversuche von Gesetzen zurück, welche die Praxis gleichgeschlechtlichen Sexes kriminalisierten. So waren diesbezüglich die Verfassungen einiger deutscher Länder noch am Code Civil unter Napoleon orientiert, was eine relativ große rechtliche Liberalität bedeutete. Mit der heraufziehenden Reichseinigung drohte jedoch preußisches Gesetz maßgeblich zu werden, dieses mit Liberalität nun gar nix anfangen konnte. So war Karl Heiz Ulrich ein Vertreter der Konstrukteure dieser Identität, indem er versuchte biologisch-entwicklungsphysiologisch zu argumentieren, dieses Verhalten sei natürlich bzw. angeboren, gegen die Natur könne man nun keine Gesetze machen (bzw. wäre das ungerecht).

  Hierauf gingen die Anfänge der Sexualwissenschaft zurück, welche für eine Eigenschaft, eine Praxis, ein bestimmtes Verhalten, sozusagen eine Identität schaffte, in einer Zeit wo derer viele geschaffen wurden. Auch die Medizinische Forschung habe hier ihr Teil zu getan.

  Diskurse des 19. Jahrhunderts seien jedenfalls in diesen Prozess der Konstruktion eingegangen. Also Antisemitismus, Kolonialismus, Nationalismus, völkische Ideen, Rassismus. Echte, wahre, richtige Homosexuelle als ein „Wir“ gedacht gegenüber den „Anderen“/„Fremden“, die haben zwar auch mit Männern Sex (wie Homosexuelle/„Wir“), aber das seien ja keine „echten“ Homosexuellen, es sind „Orientalen“.

  Solche historische Abgrenzung wirke noch immer fort, wenn auch abgeschwächt und evtl. unterbewusst.

  Dabei wird vom Referenten ein theoretisches Konstrukt verwandt, was merkwürdig anmutet. Hierbei werden Lesben und Schwule dieser Lande als „weiß“ und „christl.-atheistisch“ gedacht. Dabei Beides nicht wörtlich gemeint ist, sondern Letzteres die Wurzel eines geographisch-kulturellen Religionsraums meint, den christlichen, selbst wenn die Selbstdefinition atheistisch oder agnostisch wäre.

  Noch merkwürdiger ist das Prädikat „weiß“, denn es meint gar nicht notwendig „weiße Hautfarbe“ sondern eine privilegierte/dominante Position, gegenüber „schwarz“ – nicht „schwarze Hautfarbe“ – was dominiert/marginalisiert meine.

  Doch scheint eine dichotome Verwendung innerhalb einer insgesamt marginalisierten Gruppe recht merkwürdig, da das Verhältnis dieser zueinander völlig unklar bleibt. Auch bei den fraglichen Wurzeln ist das so. Es scheint doch, dass die Frage der Qualität ihrer Einflüsse gestellt werden muss. So sei dies in den Selbstverständlichkeiten täglichen Lebens enthalten, z.B. dass man Sonntags frei hahe, während das etwa in einem eher jüdischen Raum am Freitag/Samstag der Fall wäre. Es fragt sich doch, was hat das mit irgendwas zu tun, selbst wenn man es zugesteht.

  Auch die Selbstidentifikation scheint auf dieser Ebene keine wirkliche Rolle zu spielen. Natürlich ist es richtig z.B. Rassismus auch institutionell zu verstehen, es kann aber kaum verstehbar gemacht werden, wie das auf einer individuellen Ebene gewichtet werden sollte.

  Der Referent plädierte nun dafür, den Begriff Homosexualität weiterzuentwickeln, wie es bspw. in dem Buch „Homosexualität_en. Alter(n)“ geschehe. So dass unter dem Begriff alle aufgenommen werden könnten, um die Marginalität selbst aufzulösen. Der Referent wählte noch ein Bsp.. Ins Stonewall Inn wären v.a. Gäste hereingekommen, die aus den ein oder anderen Grunde in andere („weiße“) Gay-Bars nicht reinkamen: Schwarze, Hispanics und Trans*-Personen. Es seien aus der Szene Ausgeschlossene gewesen (also „schwarze“). Was auch beim Aufkommen der queer-Bewegung eine wichtige Rolle gespielt habe.

   Zusammengefasst: Ein weißer schwuler Mann, ist im Verhältnis zu z.B. lesbischen Frauen, Schwarzen, Ausländern, …. privilegiert. Was sicher richtig ist. Doch ist dieses Voraushaben im Verhältnis zur straighten Mehrheitsbevölkerung nicht wiederum marginal? Und also die ganze Unterscheidung, gerade im Hinblick auf eine Dynamik der letzten 20 Jahre, was die LGBT*Szene(n) angeht, eine spitzfindige? Diese Fragen bleiben, auch wenn sie vielleicht ungegecht sind, da sie im Raum schweben und nicht diskutiert werden können, vor man das Buch gelesen hat, auf das man nun keine Lust mehr hat.

  Der Vortrag war zu stichpunktartig, der Referent hatte auch zu wenig Zeit, die Verbindung zum Film wirkte sehr bemüht, der Film selbst für theoretische Betrachtungen zu seicht.

  Alles in allem ein Film mit ein paar schönen Bildern, ein paar Lachern über den Witz mancher der Portraitierten und über ein paar skurrile Kostüme und Einfälle der Feiernden.

  Und ein Vortrag der eine eigene Veranstaltung gebraucht hätte und mehr Hintergrunderklärungen. So ist zum Bsp. überhaupt nicht klar geworden, ob nun, queer, der Begriff Homosexualität über zahlreiche Differenzierung dekonstruiert werden soll, oder ob sich daraus Unterkategorien von Identifikationen ergeben sollten, die dann besser passten, oder ob die Oberkategorie gerettet werden soll. Man aber hinzudenken muss was nicht zu ihr, wie sie war, gehörte und ob nicht dann diese Vorstellung in die eigene theoretische Falle ginge, nämlich die Tradition dieses Begriffes einfach verkannte.       

  Man ist hernach daheim: Nicht genügend informiert, daher ein unter Vorbehalt Urteilender.

Links:

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