100% Gleichstellung? – Das CSD-Podium zur Bundestagswahl 2017

(Dienstag 11.07.2017)

  Diskussion: Moderation – Kathrin Darlatt (gleichstellungspol. Referentin, Stadt Leipzig; CSD e.V.) und Dr. Dirk Bockelmann (CSD e.V.); Gäste: Martin Biederstedt (Grüne), Sarah Buddeberg (Linke) u. Dr. Jens Katzek (SPD); Neues Rathaus, Martin-Luther-Ring 4-6

100% Gleichstellung? – Das CSD-Podium zur Bundestagswahl 2017

  Vorneweg: Die Teilnahme war den angefragten CDU-Vertretern wegen „Terminüberschneidungen“ nicht möglich. Kurz nach Verabschiedung der „Ehe für Alle“.   Diese absolut seriös und trocken vorgetragene Entschuldigung, von Kathrin Darlatt  ans Auditorium (nicht mehr als 30 Leute) weitergegeben, sorgte bei selbem für einige Erheiterung. Eine bittere allerdings – man hatte es sich denken können.

  Nach kurzer Vorstellung der Diskussionsteilnehmer ging es um das überschriebene Thema, bzw. deren Vielzahl. Was können Parlamentarier/Parteien tun, der Gleichstellung zu rhetorisch erfragten 100% zu verhelfen? Die noch fern seien.

  Der Vertreter der Grünen, Martin Biederstedt (folgend kurz: M.B.) begann und bezog sich v.a. auf tatsächlich gewesene Praxis im Bundestag, aus der Opposition heraus: Anfragen an die Regierung als „Nadelstiche“. In Gesellschaft hinein müssten zukünftig v.a. Bildungsarbeit betrieben und wissenschaftliche Informationen gesammelt/ermittelt werden. Zwar sei „viel“ zur Situation von Lesben und Schwulen geforscht worden, doch bei Bisexuellen, Trans- sowie Intersexuellen wäre noch Luft nach oben (bei L u. S auch, doch sei man hier eben etwas weiter). Z.B.: Diskriminierung an Schulen, Bullying/Hatespeech (v.a. im Netz), psychologische Folgen dessen, bishin zu Flucht aus dem Elternhaus (u.a. in Obdachlosigkeit) und Suizidalität. Informationen als Grundlage, für daraus folgendes Angehen der Probleme.

  Der Vertreter der SPD, Dr. Jens Katzek (folgend kurz: J.K.), schloss sich an. Auf gesellschaftlicher Ebene müsse Respekt und Akzeptanz gestärkt werden, indem über die Themen öffentlich gesprochen werde, sie zur „Normalität“ überführt würden. Den Themen müsse Öffentlichkeit geschaffen werden und sie müssten in die Schulen.

  Nachfrage. Wie aber die Akzeptanz (konkret) in die Köpfe bringen?

  Die Vertreterin der Linken, Sarah Buddeberg (folgend kurz: S.B.), antwortete darauf:   Man müsse Diskriminierung strukturell begreifen. Sie zog den Vergleich zur Fremdenfeindlichkeit/zu Fremdenfeinden. LSBTTIQA*-Phobien als der Xenophobie vergleichbar schlimme Menschenverachtung deutlich zu machen. Es ist kein Kavaliersdelikt „das nur so ein bisschen unangenehm“ zu finden, wenn sich z.B. gleichgeschlechtliche Menschen einander öffentlich zärtlich zeigen. Solches hat Ursachen, die es zu begreifen gelte, herauszustellen und anzuprangern. Sie wies auf die Differenz von gesellschaftl. Akzeptanz und rechtlicher Gleichstellung hin. Letztere zeige Fortschritte (z.B. mit der „Ehe für Alle“ – mit Einschränkungen). Bei Ersterer stelle sich die Frage: Wo man „Gleichstellung“ wirklich sichtbar ausleben könne?

  Aus dem eckigen Rund tönte Leipzig, Dresden und Chemnitz. Bei Dresden sofort Bedenken folgten (auch bei Chemnitz und Teilen von Leipzig angebracht).

  S.B. weiter: Die Frage stelle sich gerade bei Naziaktivitäten und Gewaltübergriffen bei diversen CSDs in Berlin, Karlsruhe, München und Oldenburg. Letztlich reiche das Auslebenkönnen kaum über bestimmte (als bunt/alternativ angesehene) Viertel größerer Städte hinaus. Hier sei ein sehr langer Wandlungs-Prozess zu erwarten. Schule (/Schulmaterial) und Bildung (/Kinder- u. Jugendarbeit) seien dazu Angriffspunkte.

  M.B. ergänzte zur Schulthematik, es gäbe positive Bsp. etwa aus NRW, Schulprojekte die vielleicht Vorbildcharakter haben könnten. Die müssten über die Länder- auf Bundesebene gebracht werden. Auch sollten Parlamentarier öffentlich Vorbilder sein (etwa wie Volker Beck). Das Momentum solle hierfür genutzt werden, da die „Ehe für Alle“ den Themen breitere Öffentlichkeit beschert habe. 

  Daran schloss Dr. Dirk Bockelmann an. Er fragte nach Vorkommnissen in BaWü (im Aktionsbereich der grünen Landesregierung). Was ist mit „empörten Eltern“, wie mit denen umgehen, wie gegen solch Tendenzen neues Schulmaterial durchsetzen (das die bloße Existenz von LSBTTIQA*-Menschen nur erwähne)?   

  J.K. meinte, er sei „froh“ (überspitzt gemeint), dass es Demos „besorgter Eltern“ gegeben habe, stießen die doch Debatten an, man solle Versuchen das in einen Dialog zu überführen, um Köpfe zu erobern (auch wenn das lange Kämpfe seien).

  Diese Position wurde von S.B. zurückgewiesen. Die Demos seien von LSBTTIQA*-Menschen als hochgradig verletzend empfunden worden und böten keine Diskussionsgrundlage. Da die (völlig zu recht so genannten) „gesorgten Eltern“ mindestens vielfach einem ideologischen (/nazistischen) Biologismus anhingen, der besagte Menschen pathologisiere. Vor dem Dialog müsste erst einmal die ideologische Basis (völkisch u. rassistisch) zerstört werden. Daher befürchte Sie, dass sie nicht diskussionsfähig seien. Positive Diskurse gäbe es aber, gegenüber Eltern die „besorgt“ sind, in Schulen bei Elternabenden und -informationsveranstaltugen. Wo wenigstens manche der „Besorgten“ von „Sorgen“ befreit würden.

  M.B. stimmte zu. Er teile die Einschätzung von S.B..Alle seien aufgerufen zu Gegendemos zu gehen. Echte Argumente und Zahlen anzuführen.

  Nachfrage: Zur Regierungsverantwortung der Grünen in BaWü. Unter Verweis auf das Bsp. eines Theaterstückes, dass abgesetzt werden musste (aus Mangel an Besuchern), weil Eltern ihren Kindern die Teilnahme verboten hätten, da der Verdacht bestand, bei dem im Stück vorkommenden Känguru handele es sich um ein solch schwules.  

  M.B. geht auf Ersteres ein. Dort seien die Grünen v.a. „realpolitisch“ unterwegs, er selber vertrete eher „linke“ Positionen innerhalb der Grünen. Trotzdem gebe es auch in BaWü viele Initiativen und Versuche gegenzusteuern.

  Eine Nachfrage an S.B.:  Ob man denn mit „besorgten Eltern“ gar nicht reden könne?

  S.B. war sehr skeptisch. Aber klar, versuchen solle man es trotzdem. Es ginge nunmal in der Demokratie darum, die Mehrheit auch für Minderheiteninteressen zu gewinnen. Dafür es verschiedene Ebenen gebe: GG-Änderungen, einzelne Gesetze, Bildung.

  Wie aber die Gesellschaft dazu bringen? Wie Mehrheiten schaffen? Ein Bsp.: Ein gelungenes NPD-Verbotsverfahren hätte zur Rechtfertigung politischer Attacken auf eine verfassungswidrige Partei gedient. Ohne es dient es dieser als Rechtfertigung, man sei nicht so schlimm, weil ja gar nicht verfassungswidrig, weil nicht verboten. Manchmal sollte vielleicht eine progressive Gesetzgebung voran gehen, was die Akzeptanz der Gesetzesinhalte innerhalb der Bevölkerung hernach befördern könne.

  J.K., verwies darauf, dass er sein „Freuen“ freilich überspitzt gemeint habe (was alle heraushören konnten – dennoch wurde das allgemein als unglücklich formuliert aufgenommen, dem Geraune nach). Man dürfe die Bekundungen „besorgen Bürger“ nicht „wegdrücken“, sonst laufe man Gefahr, gar nicht erst in den „Kampf um Köpfe“ zu kommen.

  Themenwechsel: Kathrin Darlatt, kommt auf die „Ehe für Alle“ zu sprechen. Wie könne man die als „für Alle“ bezeichnen, wenn für lesbische Paare daraus keine automatische Adoption folge? Was sei mit der Co-Adoption? Was mit dem Abstammungsgesetz (im Kindschaftsrecht)? Was mit anderen Formen von Elternschaft, Konstellationen von drei-vier beteiligten Personen? Noch gäbe es keine Regelungen dafür.

   J.K. zeigte sich dem Regelungsbedarf gegenüber offen, das müsse angegangen werden. Glücklicherweise komme nun alles aufs Tapet, durch die „Ehe für Alle“. Einzelnen Punkte müssten diskutiert werden, auch sei zu klären, wie Pflichten zu verteilen wären, oberstes Prinzip müsse das Kindswohl sein.  

  Die durch die Moderatorin aufgeworfenen Punkte zeigten, so S.B., dass es sich bei der „Ehe für Alle“ um eine „Mogelpackung“ handle. Sie gelte für Menschen „verschiedenen“ und „gleichen“ Geschlechts. Doch was sei mit Menschen ohne Geschlechts-Eintragung?   Grundsätzlich müsse jede „Ehe“ abgeschafft werden, deren Privilegien auf die Hervorbringung von Kindern abzielten (d.h. Alle diskriminiert, die sich nicht dieser Institution unterstellen wollen). Solang es die Ehe noch gäbe, müsse sie für „wirklich Alle“ geöffnet werden. Es sei zu bedenken, dass auch heteronorme Patchworkfamilien Adoptionsprobleme hätten, auch hier brauche es Lösungen für Alle. In Sachen Kindswohl sei anzumerken, dass bei homosexuellen Paaren Kinder praktisch immer Wunschkinder seien (sie „passierten“ nicht), daher sollten Adoptionen geschlechtsunabhängig behandelt werden.

  Die Frage wurde von J.K. aufgeworfen: Wie dass denn mit der Leihmutterschaft sei? Die ist in der BRD verboten. Müsste man sie für LSBTTIQA*-Personen öffnen und also für Alle?

  S.B. antwortete: Leihmutterschaft über Bezahlung sei problematisch. Andererseits gingen homosexuelle Paare (schon jetzt) hierfür ins Ausland, was bei Rückkehr mit dem Kind schwierig sei. Hier müsse eine Regelung gefunden werden.

  M.B. brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass nachdem die „Ehe für Alle“ eingeführt wurde, offenere Diskussionen geführt werden könnten. Man müsse jetzt am Ball bleiben. Die grüne Position sei, dass das Kindeswohl im Vordergrund stehe. Eine Verantwortungsgemeinschaft für ein Kind solle aus bis zu 4 Personen bestehen können, soziale Eltern solle es nur 2 geben, mit 14 Jahren sollten die Kinder irgendwie ins Boot geholt werden, so jedenfalls ein Entwurf.

  Nachfrage: Könne man nicht Verantwortungsgemeinschaften unabhängig von der Kindsfrage einführen, auch für mehr als 4 Personen, z.B. Seniorengruppen (in Senioren-WGs, WGs überhaupt?)? Jetzt da durch die „Ehe für Alle“ die eingetragene Lebenspartnerschaft weggefallen sei.

  J.K. sagte, die SPD habe im Wahlprogramm, dass das Abstammungs- in ein modernes Familienrecht umgeformt werden solle. Konkreteres stünde leider noch nicht drin.

  Zur Veranschaulichung ergänzte Kathrin Darlatt das Bild einer 3er-Konstellation aus einem lesbischen Paar mit Kinderwunsch und einem Samenspender. Eine der Frauen machte die Spende zur Mutter, die andere wäre Co-Mutter. Wenn der Samenspender die Vaterschaft antrete, dürfte die Co-Mutter das Kind nicht adoptieren, trete der Vater von der Vaterschaft zurück, dürfte die Co-Mutter adoptieren, doch der Vater wäre keiner.

  Nochmal zur „Ehe für Alle“: 2001 sei als Erstes in den Niederlanden die Eheöffnung erfolgt, erst 16 Jahre später in der BRD. Alle meinten es sei an der Zeit gewesen.

  S.B. sagte, eigentlich sei Freude nur z.T. angebracht, rechtlich sei alles Andere bis-dahin eigentlich eine Frechheit gewesen (gegenüber Betroffenen). Es habe schon Versuche gegeben, die „Ehe für Alle“ einzuführen, doch sei das immer an CDU/CSU gescheitert. So musste die eingetragene Lebenspartnerschaft als Kompromiss herhalten, der durch Gerichte, nicht durch Regierungswillen, immer weiter ausgeweitet werden musste und doch bis zuletzt diskriminierend blieb. Trotzdem es eine merkwürdige Folge sei, dass die Lebenspartnerschaft von der „Ehe für Alle“ eliminiert wurde. So war S.B. selber in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, die automatisch aufgelöst wurde.

  Nachfrage aus dem Publikum: Wieso sei nicht schon vor 2 Jahren die Abgeordnetenverpflichtung, nur auf das eigene Gewissen, ernstgenommen worden? Über die „Ehe für Alle“ eine Abstimmung vorzunehmen, die Mehrheiten hätten doch schon bestanden.

  J.K. verwies auf den Fraktionszwang, der genannte Theorie praktisch deutlich dominiere. Der Moderator fragte, ob dies nicht überhaupt ein Problem der Mehrheitsdemokratie sei. Dass Koalitionsverträge Fraktionszwänge setzten.

  Führe das nicht zu Politikverdrossenheit? So fragte erneut ein Zuhörer. Die Moderation bekundete, dies sei zwar eine wichtiger Punkt, doch führe er vom Thema weg.  

  Man regte zur Diskussion des Transsexuellengesetzes an. Gerade durch Vorkommnisse am Amtsgericht in Leipzig zeige sich hier offenbarer Handlungsbedarf (niemand schien dem Gericht o. verantwortlichen Richtern, irgend Sympathie entgegenzubringen).

  J.K. stimmte der Notwendigkeit zu handeln zu. Das Gesetz mache keinen Sinn. Wann es behandelt würde, sei freilich ungewiss. Er habe das Gefühl, dass es vielleicht nicht separat gelöst werden sollte, sondern in einem Paket mit schon anderen genannten Gesetzesänderungen, das könne dauern. Er wies jedoch auch darauf hin, dass es ja „nur 15.000 Betroffene“ gäbe. Für eine kommende Bundesregierung werde das Thema wohl keine Priorität haben. 

  S.B. widersprach deutlich. Jetzt gäbe es die Debatte (offener Brief ans Amtsgericht, Bundesratsdebatte), jetzt könne man die Öffentlichkeit für das Thema interessieren. Das sei auch daher nötig, da das Gesetz eine Pathologisierung der Betroffenen bedeute. Ohne die jetzige Debatte sei das Thema in der Öffentlichkeit kaum sichtbar, der private Prozess des Outings und des „Ausprobierens“ der anderen Identität sei für Trans-Personen psychologisch sehr belastend. Die Änderung müsse Allerspätestens innerhalb der nächsten Legislaturperiode kommen. Hier stimmte J.K. zu.

  M.B. erklärte, dass von seiner Partei dazu leider nicht viel zu hören gewesen sei. Er meint jedoch auch, dass man das Momentum jetzt nutzen müsse. Dazu der Selbstbestimmungsgesetzesentwurf der Grünen nun vorliege und auch das Gleichbehandlungsgesetz noch angepasst werden müsse. Gemäß Ersterem solle es keine Gutachten mehr geben, Identität lasse sich nicht diagnostizieren, Namensänderungen sollten auf Standesämtern erfolgen können, auch ohne gesetzliche Vertreter (Eltern) ab 14 Jahre.  Es sollten Behörden, welche solch einen Prozess verschleppten, mit Strafen zu rechnen haben, diese sollen ermöglicht werden.

  Frage aus dem Publikum: Der Fragende habe mit einem ungenannten Richter gesprochen, darüber warum eine Angabe des Geschlechtes überhaupt nötig sei, ob man die nicht ganz abschaffen könne? S.B. warnte hier vor einem Schnellschuss, der daraus folgende Neuregelungsbedarf wäre erheblich, daher dieses mit jenem zusammen angegangen werden müsste, was dauern würde (bspw. bei öffentlichen Toiletten, Gefängnissen, o.Ä.). Sie schlug eine dialektische Herangehensweise vor. Langfristig sei das eine ganz gute Idee, die zu verfolgen ist. Dennoch bestünden die Strukturen, etwa des Patriarchats, weiterhin (selbst wenn man das gesetzlich durchsetzte), d.h. die Praxis der Geschlechtszuordnung bliebe. Sie, also die bipolare Fremdzuschreibung, gilt es gleichsam zu bekämpfen. Ein Schritt dahin sei, dass man das Geschlecht jetzt schon offen lassen könne (nicht ausfüllen muss) und das es die Diskussion um ein Kästchen für ein drittes Geschlecht gibt. S.B. führte das Bsp. einer Trans-Person an, die in einer Schule die Toilette aufsuchen wollte. Wo von andrer Stelle Entscheidung gefordert wurde: Jungen- oder Mädchentoilette. Das sei bis hoch zum Direktor gegangen, der dann eine „Lösung“ durchsetzte, indem er der Person den Schlüssel für die Behindertentoilette übergab, mit dem Hinweis, man habe gerade keinen Behinderten an der Schule. Hierzu sei anzumerken, sicher waren die Beteiligten einfach überfordert, meinten es nicht böse und suchten einen pragmatischen Ausweg. Dennoch ist das Bsp. wohl bezeichnend. Man möchte sich kaum vorstellen, wie sich diese Person da fühlte, oder bei jedem Toilettengang, aber vielleicht muss man genau das einmal tun!

  J.K. hielt von dieser Idee des Richters gar nichts. Es sei dieses doch eine sehr „intellektuelle Diskussion“, er jedenfalls könne sich dies nicht vorstellen. Halte eine solche Forderung, so sie denn erhoben würde, aber auch für einen taktischen Fehler. In der Öffentlichkeit sei ein solcher Kampf nicht zu gewinnen

  M.B. plädierte dafür, zu versuchen als nächsten Schritt ein drittes Geschlecht als Ankreuzmöglichkeit durchzusetzen. Man solle taktisch vorgehen und einen Schritt nach dem anderen machen. Dennoch könne es vielleicht ein langfristiges Ziel sein.

  S.B. meinte, für Sie gelte die Formel: Selbstbestimmung vor Fremdbestimmung, daher man auch diese Idee jetzt diskutieren können sollte.

  Die Moderatorin wiederholte die Frage: Wozu sei die Geschlechtsangabe überhaupt nötig?

  Aus dem Publikum kam eine Antwort: In der Medizin. Hier seien genetische Geschlechter wichtig. Die Moderatorin legte nach, behandelte Themen spielten in der Mediziner- und auch in der Lehrerausbildung überhaupt keine Rolle. Es fehle an Wissen über den Umgang.

  Frage von M.B: Es gäbe doch sex. Personenergänzungsausweise (hier sei die gewählte Identität angegeben und in Klammern das Geburtsgeschlecht), würden die (in der Medizin) helfen? Antwort: Das spiele in der medizinischen Praxis keine Rolle, bzw. wüssten viel zu wenige davon. Auch gäbe es bei Trans-Personen eine Fremdbestimmungspraxis, keine Praxis gibt es bei Inter-Personen (diese tauchen als Möglichkeit der Einordnung gar nicht auf).

  S.B. sagte darauf, dass das Bild noch viel differenzierter sei (als sogar die Aufteilung nach LSBTTIQA*-Kategorien), das sollte auch in die Medizin, als Wissen, eingetragen werden. Trans-Personen würden sich, über solchen Umgang mit sich, empören. Hier komme wieder das Problem der Pathologisierung auf, doch auch der Krankenkassenbürokratie, die dennoch irgend einen praktikablen Umgang bräuchte (der kaum zeitintensiv sein dürfe).

  Themenwechsel: Hasskriminalität. Hierfür gäbe es Definitionen (im §46 des StGB – den Straftatbestand verschärfend, z.B. Körperverletzung), aber keine explizite Nennung von Menschen aus dem Abkürzungskonglomerat LSBTTIQA*, diese fielen dort unter „Sonstige“. Müsse sich hier nicht auch etwas ändern?

  S.B. stimmt zu. Ein Fehlen dieser Explizität führe dazu, dass keine verlässliche Statistik über Hasskriminalität gegen LSBTTIQA*-Personen geführt werde, also die Verbreitung des Hasses unter Straftätern nicht erfasst werden könne. Genau deshalb wirkten solche Taten marginal, ähnlich wie bei Vergewaltigung in der Ehe oder häuslicher Gewalt würden hier Dunkelziffern die tatsächliche Erfassung vermutlich deutlich übersteigen. Auch weil die Polizei dafür nicht genug sensibilisiert sei, bzw. in der Ausbildung würde. Hinzu komme, dass selbst innerhalb der Polizei von ernsten Problemen der Diskriminierung Berichte existierten.

  Die Moderatorin schloss an, dass es zwar z.B. Kurse und Weiterbildungen, etwa für das Erkennen des Vorliegens häuslicher Gewalt, gäbe, diese jedoch dezentral und nur vereinzelt von Vereinen angeboten würden. Aber keine Implementierung solcher Aufklärung der Polizei in die Ausbildung geschehe. S.B. hielt das auch für wichtig. Es müssten solche Informationen in die Ausbildungen eingetragen werden. Schon praktisch könne man nicht alle Polizisten in eine Fortbildung schicken.

  M.B. versprach diese Frage für sich (und die Grünen) mitzunehmen, allerdings gäbe es seines Wissens dazu noch keine grüne Initiative.

  Nun gaben die Moderatoren einer Frage aus dem Publikum Raum. Nämlich, wie sich künftige Bundesregierungen gegenüber Ländern verhalten sollten, in denen die Regierung Hasskriminalität mind. laufen lasse und/oder wo das Ausleben von anderer als der heteronormen Sexualität/Identität verboten oder deutlich gefährlich für solche diese Auslebenden sei (genannt wurden im Zusammenhang Tschetschenien/Russland und Türkei).

  J.K. sagte, man müsse mind. mit den Staatschefs drüber reden. Die Menschenrechtssituation müsse angesprochen werden. Das sei jedoch ein sehr harter Prozess. Was darüber hinaus? Eine Solidarität der Praxis. Protest auch in die Länder tragen. Hier wird Volker Beck neben anderen als Vorbild genannt. Es sei aber ein Problem, dass wenn man mit Staatschefs rede, es meist um ganz andere Dinge gehe (Außenhandel, etc.). Was spreche man also alles an, an Problemen? Alle? Kaum. Welche Druckmittel habe man? Wenige. In der Außenpolitik sei das bisher offensichtlich kein so großes Thema gewesen.

  S.B. sagte, sie verstehe den Wunsch des Fragers gut, die Außenpolitik gegenüber Staaten in denen Pogrome gegen homosexuelle Männer durchgeführt würden deutlich zu ändern. Sie, wie die Linke überhaupt, sei erschrocken über die Vorkommnisse in Tschetschenien, sowie über ausbleibende/marginale Reaktionen darauf in der BRD. Daran und am zusätzlichen Versagen im Inland, in Sachen der Flüchtlingspolitik gegenüber verfolgten LSBTTIQA*-Minderheiten in sehr vielen Weltregionen, aber auch aus failed states wo diesen keinerlei Schutz mehr gewährt werden könne, zeige sich die mangelnde Sensitivität für die besprochenen Themen. Es gehe dabei immer noch vielfach um Leben und Tod. Wer Fluchtursachen bekämpfen wolle, dürfe da nicht wegschauen.

  M.B. wünschte sich praktisch auch, dass Vorbilder wie Volker Beck, aber auch Nachkommende die ebenso bereit sind ihren Kopf hinzuhalten und Gesicht zu zeigen, vor Ort demonstrieren könnten. Bzw. dass eine öffentliche Anprangerung solcher Ereignisse auch hier geschehen würde. In den konkreten Gesprächen von Staatschefs würden jedoch eben auch Wirtschaftsthemen mit Menschenrechten abgeglichen… . Hiervon abgesehen, so M.B., müsse hierzulande praktisch gehandelt werden, indem etwa verfolgte LSBTTIQA*-Menschen als Flüchtlinge anerkannt werden sollten (u. dass Differenzierungen der vermeinten Sicherheit in Herkunftsländern vorzunehmen sei). S.B. schien dem zuzustimmen.

  Die Moderation schloss die Runde ein wenig lakonisch mit dem Hinweis, dass Frau Merkel  gegenüber Herrn Putin zumindest angesprochen haben soll, was da in einer Teilrepublik Russlands geschah und geschieht. Viel hätte man noch diskutieren können, doch die Haupttore des Rathauses hatten schon geschlossen, die Zeit war sehr vorangeschritten und man musste über die Personaltreppe das Haus verlassen.

Link:

http://www.queer.de/detail.php?article_id=29085

http://www.maz-online.de/Home/Polizei/CSD-Besucher-niedergeschlagen-und-getreten

http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.pruegel-nach-christopher-street-day-nach-csd-in-muenchen-angriff-auf-gruenen-politiker.ce3b2328-289c-44e4-aecc-9121d096b0a2.html

https://www.welt.de/vermischtes/article166429836/Django-das-schwule-Kaenguru-das-keiner-sehen-wollte.html

http://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Kindschaftsrecht.pdf?__blob=publicationFile

https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/StGB.pdf